Der Churer Stadtpräsident Urs Marti hat den seit Juni inaktiven Corona-Stab reaktiviert. Gleichzeitig lanciert die Stadt eine Kampagne. Der Slogan im Casino-Look: «Erreichtes nicht verspielen». Ob dieser Poker aufgeht?

Dieser Artikel wurde auf suedostschweiz.ch veröffentlicht – schau ihn doch dort an – es gibt auch Videos von Stadtpräsident Urs Marti dazu.
Die steigenden Corona-Infektionszahlen machen auch im Kanton Graubünden nicht Halt: Am vergangenen Mittwoch meldete der Kanton 61 neu bestätige Coronavirus-Infektionen binnen 24 Stunden – der Höchstwert seit Beginn der Pandemie. Der unrühmliche Rekord währte nicht lange. Am Donnerstag wies der Kanton bereits 91 Neuinfizierte für die gleiche Zeitspanne aus.
Diese Entwicklung beunruhigt auch den Churer Stadtpräsidenten Urs Marti. Am vergangenen Wochenende fällte er den Entscheid, den Churer Corona-Stab wieder ins Leben zu rufen. «Die Auslöser dafür waren in der Tat die sehr stark ansteigenden Fallzahlen und die damit verbundene Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens», sagt Urs Marti gegenüber «suedostschweiz.ch».
Der Corona-Stab wurde erstmals bei Ausbruch des Virus im Frühjahr ins Leben gerufen. Im Stab sind diverse städtische Dienststellen und Abteilungen vertreten, die gemeinsam Entscheide zur Pandemiebekämpfung fällen.
Anders als in Zeiten des Lockdowns arbeitet der Corona-Stab derzeit in einem noch etwas kleineren Team. «Wenn es die Situation erfordert, können wir die investierte Zeit und die personellen Ressourcen hochfahren», ergänzt Marti.
Auch die zum Stab gehörenden Kommunikationskanäle, also die Webseite und die Social-Media-Kanäle, wurden reaktiviert und aktualisiert, schreibt die Stadt Chur in einer Mitteilung.
Neue Kampagne: «Erreichtes nicht verspielen»
Ergänzend zur Reaktivierung des Corona Stabes lanciert die Stadt Chur eine neue Kampagne. Damit will sie jeder Churerin und jedem Churer klar machen, was derzeit auf dem Spiel steht.
Auf Spiel-Jetons sind die Begriffe «Gesundheit», «Familie» und «Job» geschrieben. Je nach Ausführung gibt es auch Jetons mit der Aufschrift «Bewegungsfreiheit» und «Touristisches Image» zu sehen. Auf jeder Ausführung identisch ist das Roulette, das die farbigen Jetons flankiert und der Slogan «Erreichtes nicht verspielen». Alleine von der Bildsprache erinnert das Sujet an eine Casino-Werbung.
Bewusst provokativ
Was will die Stadt Chur mit dieser Bildsprache aussagen?
«Liebe Churerinnen und Churer, bitte verzockt nicht eure Familie, euren Job und eure Gesundheit, als wäre es ein Spiel-Jeton im Casino.»
«Liebe Churerinnen und Churer, bitte verzockt nicht euer Hab und Gut, welches ihr euch während der Kurzarbeits-Zeit angespart habt.»
Auch wenn dies offensichtlich nicht die beabsichtigten Interpretationen sind – ein zynischer Beigeschmack bleibt. Während Menschen im Spital an Beatmungsgeräte angeschlossen werden, assoziiert die Stadt Chur die Einhaltung der Schutzmassnahmen mit einem lapidaren Spiel.
Für Urs Marti ist das Sujet nicht zu provokativ – er lässt aber durchblicken, dass die Aufmachung durchaus kontrovers aufgefasst werden soll. «Wenn man etwas aufs Spiel setzt, dann fragt man sich meist auch, was man verlieren könnte. In diesem Zusammenhang erachten wir das Roulette als geeignetes Sujet, da es den Fakt verbildlicht, dass man zwar viel aufs Spiel setzen kann, aber nicht unbedingt viel aufs Spiel setzen sollte», so Marti.
Das Plakat soll Churerinnen und Churer daran erinnern, dass gerade in der aktuellen Situation die Hygienemassnahmen eingehalten werden müssen und es nicht an der Zeit ist zu gamblen – schliesslich steht zu viel auf dem Spiel. Ob es für diese Botschaft wirklich die Metapher des Roulette-Tisches mit den 16 roten und 16 schwarzen Zahlenfeldern bedurfte, ist fraglich.
Unklar und geschmacklos
Für «suedostschweiz.ch» hat Baldassare Scolari das Sujet analysiert. Er ist Lehrbeauftragter für Medienethik an der Fachhochschule Graubünden. Als «störend» empfindet er die Tatsache, dass der Betrachter nicht auf den ersten Blick erkennen kann, was das Sujet aussagen will. «Weiter empfinde ich die Metapher des Roulette-Tisches im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie als geschmacklos», ergänzt Scolari.
Bei aller Kritik gibt Scolari zu bedenken, dass die Stadt Chur nicht mit einem Bundesamt für Gesundheit zu vergleichen sei. Man befinde sich schliesslich auf kommunaler Ebene, wo solche Kampagnen oft unter Zeitdruck und mit beschränkten Mittel umgesetzt werden.
Rien ne va plus
Um die Sujets online und analog in Chur sichtbar zu machen, hat die Stadt in einer ersten Phase zwischen 3000 und 6000 Franken budgetiert. Ob die Stadt Chur am Roulette-Tisch damit auf die richtige Zahl setzt, ist fraglich. Die Chancen stehen 1:37.